Hintere Schwärze - Skitour auf die Cima Nera - Teil 2

Hintere Schwärze – Aufbruch um 03.40 Uhr

Hintere Schwärze - Anseilen für den Marzellferner

Hintere Schwärze – Anseilen für den Marzellferner

Es ist kurz nach 3 Uhr. Trotz einiger Stunden Schlaf drehe ich mich auf der Sitzbank des Winterraums der Martin-Busch-Hütte hin und her, denn sehr breit ist sie nicht. Bald geht’s los.

03:20 Uhr, der Wecker klingelt. “Guten Morgen” :-). Wir kriechen unter dem Tisch und von der Sitzbank her in die Vertikale. Unsere Rucksäcke haben wir gestern schon einsatzbereit gemacht. Ein Schluck Tee und ein Energieriegel, das muss für den Start reichen. Kurz auf die Toilette, dann den Gurt angelegt. Es bedarf keiner großen Worte zwischen uns. Jeder weiß, was zu tun ist. Nebenan schlafen die anderen 14 Gäste des Winterraums noch tief und fest.

Teil 1 verpasst? Den findest Du hier :-)

3:40 Uhr, wir schnallen unsere Ski an, schultern die Rucksäcke. Ein gigantischer Sternenhimmel begleitet uns. Es ist etwas wärmer geworden als gestern Abend. Im Schein unserer Stirnlampen fahren wir einige Meter den Hang nach Osten hin ab, queren einen kleinen Graben. Entlang des nördlichen Endes des Marzellkamms fahren wir etwa 150 Höhenmeter ab. Der Schnee ist erste Sahne. 20-30 cm Auflage auf guter Grundlage.

Hintere Schwärze – Aufstieg über den Marzellferner

Wir lassen alles zurück, was wir oben nicht brauchen werden. Ab hier beginnt der Aufstieg in Richtung Marzellferner – wir seilen uns an. Auf meiner Karte aus den 80ern ist der Gletscher noch bis hier herunter eingezeichnet. Die letzten 30 Jahre hat er sich langsam zurückgezogen. Erst nach einem Kilometer stoßen wir auf die Gletscherzunge und -tor des Marzellferners. Jetzt im März bekommt man nicht wirklich mit, dass man von Fels auf Gletscher wechselt. Nur wer genau hinsieht erahnt es.

Die ersten zwei Stunden kommen wir gut voran. Jeder ist mal dran die Spur zu legen. Wegen der seit etwa zwei Jahren herrschenden Bergsturzgefahr am Marzellkamm wird die Route seltener begangen. Im ersten Licht erreichen wir den Gletscherbruch auf etwa 2.900 m Höhe. Die Schneeauflage ist sehr gut. Wir haben gute Sicht und beste Verhältnisse. Auf Spalten außerhalb der Bruchzone des Marzellferners stoßen wir nicht.

Der einzige Wertmutstropfen ist der immer stärker aufkommende Wind. War es an der Hütte noch fast windstill, pfeifen uns jetzt immer öfter Böen um die Ohren. Über dem Gletscher zeigen sich Schneefahnen und kleine Windteufel tauchen auf und verschwinden wieder.

Hintere Schwärze – vom Gletscherbecken über die Rampe zur Cima Nera

Im flacheren Gletscherbecken zwischen Mutmalspitze und Hinterer Schwärze halten wir uns nach rechts. Der rampenartige Aufstieg bis zum Skidepot ist mäßig steil. Fast bis zum Ende liegt weiterhin 20-30cm Pulver auf fester Unterlage. Nur die letzten 200 m vor dem Skidepot sind steiler und harschig. Wir liegen gut in der Zeit.

Auf etwa 3.450 m Höhe schnallen wir unsere Ski ab. Die restlichen etwa 170 Höhenmeter müssen mit Steigeisen und Eispickel erstiegen werden. Entlang des Nordwest-Grats der Hinteren Schwärze steigen wir höher und höher. Mit Steigeisen ist der Schnee griffig. Auch im Randbereich der Nordwand ist das Steigen ohne Eiskontakt gut zu bewältigen.

Hintere Schwärze – mit Steigeisen und Pickel über den Westgrat

Hintere Schwärze - Jens, Heiko und ich am Gipfel

Hintere Schwärze – Jens, Heiko und ich am Gipfel

Auf der Schulter vor dem letzten Gipfelanstieg tauchen wir erstmals heute aus dem Bergschatten in gleißendes Sonnenlicht. Von einer Sekunde auf die andere wird der Blick frei. Unsere Rucksäcke lassen wir hier zurück und gehen die letzten 50 Höhenmeter an.

Der Westgrat der Hinteren Schwärze ist teilweise überwächtet, teilweise frei im Fels ersteigbar. Nach Norden fällt der Blick in die etwa 50 Grad steile Nordwand. Nach Süden hin geht es fast direkt nach unten. Ich wähle jeden Schritt mit Bedacht, Pickel und Steigeisen sind lohnenswertes Equipement und geben mir die nötige Sicherheit.

Gipfelglück an der Cima Nera – Hintere Schwärze

Um etwa 09:40 Uhr stehen wir zu Dritt am Gipfel der Hinteren Schwärze in 3.628 m Höhe. Der Gipfel bietet gerade mal Platz für uns Drei, ein Vierter hätte schon Schwierigkeiten sich dazu zu stellen ;-). Der Blick nach Süden wird einzig durch die Erdkrümmung begrenzt. Nach Norden steht der Weißkamm mit der Wildspitze ein wenig im Weg ;-).

Wir, Heiko, Jens und ich haben den perfekten Tag erwischt. Keine Wolke trübt den Himmel, selbst der eisige Wind hat nachgelassen. Jauchzend genießen wir unser Gipfelglück auf der 3.628 m hohen Hinteren Schwärze.

Die Hintere Schwärze (ital.: Cima Nera) ist der vierthöchste Gipfel der Ötztaler Alpen. Sein Gipfel liegt genau auf der Grenze zwischen Österreich und Italien auf dem Schnalskamm.

15 Minuten Gipfelglück sind genug. Vorsichtig steige ich den Gipfelgrat wieder ab. Der Abstieg nach unten auf die Schulter ist gut zu bewältigen. Trotz der Ausgesetztheit habe ich dabei ein gutes Gefühl, denn meine beiden Bergkameraden steigen vor und hinter mir ab.

Frühstück am Sattel der Hinteren Schwärze

10 Uhr Vormittags, jetzt erstmal Frühstück! Mit der Lawinenschaufel bauen wir uns einen Sitzplatz. Bisher hatte ich mich nur mit Energieriegeln gestärkt. Jetzt gibt es endlich ein großes Müsli  – trage ich ja auch schon 3 Touren lang durch die Gegend – das Ding muss weg ;-).

Unser Frühstücks-Logenplatz ist eine Wucht. Dank dem warmen Wetter im Tal ist es auch hier oben in 3.600m Höhe erträglich. 20 Minuten Genuß.

Der restliche Abstieg zum Skidepot ist einfach. Wir müssen nur darauf achten auf dem NW-Grat zu bleiben. Die Vorfreude auf eine wunderschöne Abfahrt trägt uns hinunter zum Skidepot.

Skitour auf die Hintere Schwärze – Abfahrt mit Anfangsschwierigkeiten

Wir schnallen an. Heiko und Jens fahren ein paar Meter voraus. Mein Bindungsproblem von gestern Nachmittag hatten wir durch Anziehen der Schrauben gelöst. Sollte also alles gut gehen.

Hintere Schwärze - Kabelbinder für Bindungsprobleme

Hintere Schwärze – Kabelbinder für Bindungsprobleme

Doch es kommt anders. Bei der ersten Querung auf dem Harschdeckel bekomme ich einen kleine Schlag und mein Ski geht auf. Beim Wiederanschnallen merke ich, da fehlt was :(. Ein Teil der Bindung hat sich verabschiedet. Im tiefen Schnee danach zu suchen ist keine erfolgversprechende Idee. Ich kann nur noch über das Vorderteil der Bindung meinen Schuh fixieren. Nur mit Fersendruck und Queren statt Schwingen bestehen Chancen für eine Abfahrt. Das wird spaßig :(.

Gott-sei-Dank hat Heiko die zündenden Idee. Er holt einen Industrie-Kabelbinder aus seinem Rucksack (was da so alles drin ist :-)) und verbindet damit meinen Schuh und die Bindung. Anfangs bin ich vorsichtig und zaghaft, aber schnell merke ich: Das hält besser als gedacht. Ich merke keinen Unterschied, nur Abschnallen geht nicht mehr ;-).

Hintere Schwärze - Traumabfahrt über die unberührten Hänge des Marzellferners

Hintere Schwärze – Traumabfahrt über die unberührten Hänge des Marzellferners

Traumabfahrt mit Ski über den Marzellferner – Hintere Schwärze

Wir haben den besten Schnee des ganzen Winters. Den kompletten Marzellferner schwingen wir jauchzend in bestem Pulver hinunter. Bis auf unsere Aufstiegsspur unberührte Hänge. Es ist ein Traum! 🙂

Am Materialdepot angekommen lege ich meine Daunenjacke ab. Es ist fast Mittag und die Temperatur hier unterhalb der Martin-Busch-Hütte schon entsprechend hoch. Hier unten ist der Schnee schon sulzig geworden.

Skitour auf die Hintere Schwärze – Ausklang im Hotel Alt-Vent

Bis zur Schäferhütte bleiben wir unten im Bachbett. Die Temperatur ist mittlerweile so hoch, dass ab und an kleine Schneerutsche von selbst an den Hängen des Niedertals ausgelöst werden. Trotzdem wir talwärts unterwegs sind, müssen wir doch einiges an Schiebearbeit leisten, das Gefälle ist oft zu gering, teilweise sind Gegenanstiege dabei.

Gegen 12:30 Uhr sind wir zurück in Vent. Wie versprochen lassen wir unsere gemeinsame Skitour auf die Hintere Schwärze im Hotel Alt-Vent bei Kaffee, Suppe und Weißbier ausklingen.

An sich hatten wir ja nur eine kleine Halbtages-Tour auf die Hohe Munde geplant, doch dann kam dieses Traumwetter dazwischen. Wir denken: Wir haben alles richtig gemacht – CARPE DIEM!

Hast Du Lust auf einen Kommentar? Ich freu mich drauf  :-)

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Bilder: Heiko Scheurmann, Jens Schlecht und Magnus Bühl

Bitte beachtet: Meine Tourenbeschreibung ist ein Erlebnisbericht, kein Aufruf zum Nachmachen. Wie auf Tourentipp beschrieben besteht am Marzellkamm seit 2012 akute Bergsturzgefahr. Jeder ist am Berg für sein Handeln selbst verantwortlich.

2 Kommentare
  1. Jens sagte:

    So einen schönen Tourenbericht, bei der ich selbst dabei war, habe ich noch nie gelesen!!! Danke Magnus für die schönen Erinnerungen und ich freu mich schon auf unseren nächsten Ausflug :o) lg Jens

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